Weiße Haie im Mittelmeer stammen von australischen Vorfahren ab

Verschiedene Sichtungen und Fänge aus aktueller Zeit, sowie historische Berichte, beweisen, dass der Weiße Hai auch im Mittelmeer verbreitet ist. Anders als vermutet stammen die Vorfahren der Tiere aber nicht aus dem Atlantik, sondern aus der Region um Australien. Dies zeigen genetische Untersuchungen der Haipopulation im Mittelmeer durch die University of Aberdeen. Demnach ist der Weiße Hai seit rund 450.000 Jahren fester Bewohner des Mittelmeeres.

Schon seit Menschengedenken wird von Begegnungen mit dem Weißen Hai (Carcharodon carcharias) im Mittelmeer berichtet. Das belegen historische Texte über Sichtungen und Fänge vor der Küste Südfrankreichs, der Adria und dem Bosporus. Neueren Daten zufolge scheint sich der Weiße Hai hauptsächlich in der westlichen Hälfte des Mittelmeers und in adriatischen Gewässern aufzuhalten, ein weiterer Hotspot dürfte die relativ fischreiche Küste Ägyptens sein. In jüngster Zeit kommen die meisten Meldungen aus dem Bereich zwischen Sizilien und der nordafrikanischen Küste. Dies belegen auch Berichte über Fänge, der Letzte im Mai 2018, als tunesische Fischer vor der Urlaubsinsel Djerba einen 780 kg schweren Weißen Hai als Beifang im Thunfischnetz hatten, drei Jahre zuvor ging tunesischen Fischern vor Sousse ein zwei Tonnen schweres Weibchen ins Netz.

Doch woher kommt der Weiße Hai im Mittelmeer?

Lange Zeit war die vorherrschende Meinung, dass der Weiße Hai über die Straße von Gibraltar aus dem Atlantik zugewandert und im Mittelmeer heimisch geworden sei. Mitochondrische Genanalysen von Forschern um Chrysoula Gubili von der University of Aberdeen zeigen jedoch, dass die Vorfahren der Weißen Haie im Mittelmeer nicht aus dem Atlantik stammen, sondern aus dem indo-pazifischen Raum; mit den atlantischen Artgenossen bestehen nur sehr geringe, genetische Gemeinsamkeiten. Den Forschern zufolge, die ihre Erkenntnisse im Fachmagazin “Proceedings of the Royal Society B”. veröffentlicht hatten, sei es wahrscheinlich, dass vor rund 450.000 Jahren Haie den durch Eiszeiten geänderten warmen, nordwärts gerichteten Strömungen gefolgt seien und sich ins Mittelmeer verirrt hätten.

Im Mittelmeer angekommen brachten die Tiere dann gezwungenermaßen ihren Nachwuchs zur Welt. Ähnlich wie die Lachse kehren Weiße Haie zur Fortpflanzung immer wieder zum Ort der eigenen Geburt zurück, woraus sich die Population im Mittelmeer begründete. Es entstand eine abgeschlossene Population, die nicht mit Weißen Haien aus dem Atlantik interagiert oder durch Zuwanderung gestärkt wird. Aus diesem Grund sei der Weiße Hai im Mittelmeer auch bedroht: Gehen die Kinderstuben verloren, verschwinde auch die Art; mit verheerende Auswirkungen für das gesamte Ökosystem.

Haiweibchen sind gut ein Jahr trächtig und gebären dann zwei bis zehn sofort selbstständige, rund einen Meter lange Jungtiere. Die Kinderstuben der Weißen Haie werden in der Ägäis, der östlichen Adria und der Straße von Sizilien vermutet. Das belegen Fänge von Jungtieren, die untersucht und wieder in Freiheit entlassen wurden. Der Weiße Hai im Mittelmeer wurde auf die rote Liste der bedrohten Tierarten gesetzt.

Im Jahr 2015 vor Sousse gefangener Weißer Hai
Im Jahr 2015 vor Sousse gefangener Weißer Hai

Muss man Angst vor dem Weißen Hai haben?

Der Hauptlebensraum der Weißen Haie ist die hohe See. Dort findet er die kühlen Temperaturen von rund 15 Grad Celsius, die er bevorzugt. Der Grenzbereich zwischen warmem Oberflächenwasser und dem kühleren Tiefenwasser liegt im Sommer bei 40-50 Metern Tiefe. Großhaie kreuzen dann unterhalb dieser Schicht. Im Winter allerdings wagen sich die Tiere dann auch in küstennähere Regionen, was ihnen dann auch manchmal zum Verhängnis wird, wenn sie auf der Jagd nach einem ihrer Hauptnahrungsmitteln, dem Thunfisch, auf stationäre Thunfischnetze treffen und sich darin verheddern und ersticken.

Über die Ernährung des Weißen Hais im Mittelmeer gibt es nur wenige Informationen. Bei Mageninhaltsanalysen wurden vor allem Reste von Delfinen, Schwert- und Thunfischen gefunden. Als Anzeichen von Futtermangel durch menschliche Überfischung sehen die Wissenschaftler den Fund von Meeresschildkröten, die nicht zur eigentlichen Ernährung der Großhaie gehören, aber doch des Öfteren gefressen werden.

Für den Menschen geht allerdings von diesen Großhaien kaum eine Bedrohung aus. Es gab zwar dokumentierte Angriffe auf Menschen, letztmalig 2008 vor der kroatischen Insel Vis, bei der das Opfer überlebte; bei der hohen Anzahl an menschlichen Badevorgängen im Mittelmeer (5 Milliarden Badevorgänge pro Jahr bei 100 Badetagen) ist das Risiko einer Attacke extrem gering.

Die Wahrscheinlichkeit, im Mittelmeer von einem Hai angegriffen zu werden, liegt bei 1:5.000.000.000 (1 zu 5 Mrd).  Die Möglichkeit, mit einem Flugzeug abzustürzen,  ist etwa tausend Mal wahrscheinlicher. Bei einem Bad im Mittelmeer von einem Hai getötet zu werden, ist so wahrscheinlich wie bei einer Autofahrt von weniger als 1000 Meter Länge tödlich zu verunglücken.

Allerdings befürchten Wissenschaftler aufgrund der Überfischung der mediterranen Thunfischbestände, dass Haie aus Futtermangel mittlerweile auch zunehmend menschliche Leichen fressen könnten, die sie auf den Flüchtlingsrouten zwischen Nordafrika und Europa finden. Jedes Jahr ertrinken tausende von Menschen auf dem Weg nach Europa, viele davon werden nie gefunden. Die Zahl der Hai-Sichtungen in der Straße von Sizilien lässt das vermuten.

Titelbild: Symbolfoto von Terry Goss, CC BY 2.5, Link