Die Geschichte der Tsunamis im Mittelmeer

Nicht nur im Pazifikraum, auch an europäischen und nordafrikanischen Küsten können Tsunamis auftreten, allerdings wesentlich seltener. Die Afrikanische Platte schiebt sich nach Norden unter die Eurasische Platte, die Folge sind vulkanische Aktivitäten (Ätna) sowie Erdbeben, die unter Umständen Tsunamis entstehen lassen.

Rund zehn Prozent aller Tsunami weltweit ereignen sich im Mittelmeer, rechnerisch ein verheerender Tsunami pro Jahrhundert. Geologische und archäologische Untersuchungen sowie historische Überlieferungen zeugen von gewaltigen Tsunamis, die Tausende an Menschenleben forderten und Regionen unbewohnbar machten.

Insbesondere konzentrieren sich die seismischen Aktivitäten auf das östliche Mittelmeer und die Ägäis (Griechenland, Türkei) sowie Süditalien rund um Sizilien, wo kürzlich bisher unbekannte unterseeische Vulkane nachgewiesen wurden. Tsunamis im Mittelmeer sind deshalb so gefährlich, da nur eine kurze Vorwarnzeit besteht, egal wo sich ein unterseeisches Beben ereignet, ein eventueller Tsunami hat nach max. 57 Minuten eine der Mittelmeerküsten erreicht.

Verheerende Tsunamis

Ca. 6300 v. Chr.: Ätna-Tsunami
Ein Bergsturz von 35 km³ ins Ionische Meer verursachte den Ätna-Tsunami im östlichen Mittelmeer.

Spätes 16. Jh. v. Chr.:  Minoische Eruption (auch Thera oder Santorin-Eruption) 

Minoische Eruption

Eine Vulkanexplosion auf Santorin soll nach Meinung einiger Forscher zu bis zu 60 Meter hohen Wellen im gesamten östlichen Mittelmeer geführt haben.

Als Minoische Eruption wird der spätbronzezeitliche Ausbruch der ägäischen Vulkaninsel Thera (heute Santorin) bezeichnet, der im 17. oder 16. Jahrhundert v. Chr. die eng mit der minoischen Kultur verbundene Siedlung Akrotiri (moderner Name) auf Santorin begrub. Seine direkten Auswirkungen sind umstritten; die bis in die 1960er Jahre oft vertretene Meinung, er habe den Untergang der minoischen Kultur auf Kreta herbeigeführt, wird heute abgelehnt. Die minoische Kultur bestand noch mindestens ein halbes Jahrhundert weiter.

Die bei der Eruption ausgestoßenen Pyroklastika lassen sich in archäologischen Fundstellen im gesamten östlichen Mittelmeer finden und bieten so einen Fixpunkt in der Stratigraphie. Die Datierung der Eruption ist umstritten; zwischen den historiografisch und den naturwissenschaftlich ermittelten Daten liegen etwa 100 Jahre.

479 v. Chr. ?: Tsunami von Potidaia
Der älteste genau datierbare Tsunami wird vom griechischen Historiker Herodot überliefert. Die persischen Belagerer der nördlichen, griechischen Halbinsel Potidaia wurden von einer riesigen Welle überrascht, als sie sich das unerwartet zurückziehende Meer zunutze machen wollten, um die Stadt anzugreifen. Herodot schreibt das Auftreten der rettenden Flutwelle dem Meeresgott Poseidon zu.

Sedimentablagerungen in der Region, wo Potidea und die Nachfolgesiedlung Nea Potidea liegen, zeigen Spuren massiver Seebewegungen, wie sie bei großen Wellen auftreten. Zudem wurden bei Ausgrabungen in der nahegelegenen antiken Stadt Mende Spuren starker Naturgewalten gefunden, die sich auf das fünfte Jahrhundert vor Christus zurückdatieren lassen.

426 v. Chr.: Erdbeben im Golf von Euböa

Der Historiker Thukydides beschreibt in seinem Werk „Der Peloponnesische Krieg“ anhand des Erdbeben im Golf von Euböa 426 v. Chr. erstmals den ursächlichen Zusammenhang des Auftretens von Erdbeben und nachfolgenden Flutwellen.

Das Erdbeben verwüstete im Sommer des Jahres 426 v. Chr. die Küsten des Golfes von Malia und des Nördlichen Golfs von Euböa in Griechenland. Das Erdbeben löste einen Tsunami aus, der Küsten und Städte überflutete. Die Intensität des Erdbebens wird anhand von historisch überlieferten Schadensbeschreibungen als sehr stark eingestuft, so taten sich zahlreiche Spalten im Boden auf und es kam zu Erdrutschen in den Bergen.

Golf von Euböa, Griechenland

Das Ereignis war für den griechischen Geschichtsschreiber Thukydides Anlass, die Ursache der Flutwelle zu ergründen. Er kam zu dem Ergebnis, ein Erdbeben müsse den Tsunami hervorgerufen haben. Thukydides war der erste Naturwissenschaftler, der das Beben und die Welle in eine Ursache-Wirkungsbeziehung setzte. Sein Vorgänger Herodot hatte den Tsunami von Potidea noch auf die Rache Poseidons zurückgeführt.

Das Erdbeben im Golf von Euböa gehört zu einer Erdbebenserie im Sommer des Jahres 426 v. Chr., die im Peloponnesischen Krieg die Spartaner zwang, die Invasion Attikas abzubrechen. Der Geograph Strabo berichtete, dass Teile der Griechischen Inseln überflutet, Städte verwüstet wurden und Flüsse ihren Lauf dauerhaft geändert haben. Der Tsunami traf die Küste im Golf von Maliakos an drei Stellen und erreichte sogar Städte, die eine Dreiviertel Meile vom Meer entfernt waren. Der Tsunami traf mit solcher Gewalt auf, dass eine Trireme (rudergetriebenes Kriegsschiff des Altertums) aus ihrem Dock gehoben und über die Stadtmauer geschleudert wurde.

373 v. Chr.: Tsunami von Helike
Im Winter des Jahres 373 v. Chr. erschütterte ein schweres Erdbeben Helike, eine Stadt im Norden des Peloponnes am Golf von Korinth, in der Nähe des heutigen Egio und ließ sämtliche Gebäude zusammenfallen. Kurz darauf überschwemmte eine riesige Flutwelle die Stadt sowie zehn Kriegsschiffe aus Sparta, die im Hafen vor Anker lagen. Das Wasser der Flut ging nicht zurück, sondern bildete für mehrere Jahrhunderte eine Art Lagune. So berichten mehrere antike Autoren (u.a. Pausanias und Ovid), dass die Ruinen von Helike noch zu ihrer Zeit (1./2. Jahrhundert n. Chr.) von der Wasseroberfläche aus zu sehen waren.

Helike, Ausgrabung Färberei

Es gibt Überlegungen, wonach der Untergang von Helike den Zeitzeugen Platon zu seiner Erzählung über Atlantis inspiriert haben soll. Zwar ging bei dem Erdbeben weder eine Großinsel noch eine Zivilisation unter, aber es handelte sich immerhin um eine der schwersten und opferreichsten Naturkatastrophen in der Ägäis seit der Minoischen Eruption der Vulkaninsel Thera in der späten Bronzezeit.

Seit 1991 gräbt ein griechisch-amerikanisches Forscherteam unter der Leitung von Steven Soter und Dora Katsonopoulou in der Ebene von Eliki. 2000 und 2001 fand man schließlich die Überreste des 373 v. Chr. untergegangen Helike. Bis 2003 fand man weitere Spuren von Besiedlung aus älterer Zeit bis ins 3. Jahrtausend v. Chr. Die Ausgrabungen sind bis heute (2017) nicht abgeschlossen.

21. Juli 365 n. Chr.: Erdbeben vor Kreta
Das Erdbeben vor Kreta 365 n. Chr. war ein unterseeisches Erdbeben im östlichen Mittelmeer, dessen nachfolgender Tsunami im Morgengrauen des 21. Juli 365 Zerstörungen in den Küstenregionen Zentral- und Südgriechenlands, Libyens, Ägyptens, Zyperns und Siziliens anrichtete. Das Epizentrum wird heute in der Nähe Kretas angenommen; die Stärke des Bebens dürfte bei einer Magnitude von 8 oder höher gelegen haben.

Ehemalige Küstenlinie nach Anhebung von Kreta um 9 Meter

Von der Zerstörung durch den Tsunami waren insbesondere die Küsten des östlichen Mittelmeeres, das Nildelta und Alexandria betroffen, wo tausende Menschen getötet und Schiffe bis zu zwei Meilen weit ins Landesinnere getragen wurden. Auf Kreta wurden fast alle Städte beschädigt oder zerstört. Das Beben hinterließ einen tiefen Eindruck in der „Seele“ der spätantiken Bevölkerung. Viele der damaligen Schriftsteller bezogen sich auf dieses Ereignis.

Der römische Historiker Ammianus Marcellinus beschrieb, wie der Tsunami Alexandria und andere Orte in den frühen Stunden des 21. Juli 365 n. Chr. traf. Sein Bericht ist besonders bemerkenswert wegen der klaren Unterscheidung der drei Hauptphasen eines Tsunamis, nämlich das anfängliche Erdbeben, die plötzliche Rückbildung des Meeres und die darauf folgende gigantische Flutwelle, die in das Landesinnere rollte:

Kurz nach Tagesanbruch, eingeläutet von einer Folge heftiger Blitze, wurde die Grundfestigkeit der gesamten Erde erschüttert und schauderte, das Meer wurde weggetrieben, seine Wellen rollten zurück und verschwanden, sodass der Abgrund der Tiefen aufgedeckt wurde und verschiedene Arten von Seekreaturen im Schlamm stecken blieben; die große Einöde dieser Täler und Berge, die diese Bildung zwischen den tiefen Wasserstrudeln zurückgelassen hat, wie es auf uns gekommen ist, schauten in diesem Moment hoch zu den Sonnenstrahlen. Viele Schiffe strandeten wie auf trockenem Land und Menschen wanderten über die erbärmlichen Überbleibsel des Wassers um Fisch und dergleichen mit ihren bloßen Händen zu sammeln.
Dann kehrte die tosende See wie beleidigt um und strich über die vielen Untiefen gewaltsam auf Inseln und Ausläufer des Festlandes und zerquetschte zahllose Gebäude in Städten oder wo auch immer sie anzutreffen waren. In diesem wütenden Kampf der Elemente wurde das Gesicht der Erde neu geformt, um wundersame Aussichten zu offenbaren. Als die Wassermassen zurückkehrten, dann als man sie am wenigsten erwartete, starben viele Tausende durch Ertrinken und mit den Wellen in die Höhe geschaukelt sah man, als sich der Ärger der See allmählich legte, einige Schiffe sinken und die Körper von Leuten, die in den Schiffswracks getötet wurden, lagen da, mit dem Gesicht nach oben oder unten. Andere riesige Schiffe strandeten aufgrund der irrsinnigen Kraft auf den Dächern von Häusern, wie in Alexandria geschehen, und andere wurden von der Küste fast zwei Meilen weitergespült, wie das Schiff aus Lakonien in der Nähe der Stadt Methone, das ich sah als ich vorbeizog, auseinanderklaffend durch den schleichenden Zerfall.

28. Dezember 1908: Erdbeben von Messina, Italien
Am 28. Dezember 1908 um 05:21 Uhr wurde die Region um die Straße von Messina (Sizilien, Kalabrien) für 37 Sekunden durch ein starkes Erdbeben erschüttert, die Städte Messina, Reggio Calabria und Palmi wurden nahezu völlig zerstört. Das Beben hatte nach Vergleichsberechnungen eine Stärke von 7,2 auf der Momenten-Magnituden-Skala.

Nach dem Erdbeben von Messina

Ein den Erdstößen folgender Tsunami richtete weitere große Schäden an und forderte weitere Opfer. Die Schätzungen der Opferzahlen gehen auseinander: In Messina und Reggio Calabria verloren demnach zwischen 72.000 und 110.000 Einwohner ihr Leben. Das Erdbeben von Messina 1908 in Italien war die nach Opfern schwerste Naturkatastrophe Europas im 20. Jahrhundert.

In Messina wurden fast alle Gebäude stark beschädigt oder zerstört, unter ihnen der Dom, viele öffentliche Gebäude und auch die Palazzata an der Hafenpromenade, eine imposante einheitliche anderthalb Kilometer lange Fassade zum Meer hin, die dem dahinter liegenden Rathaus, den Seidenmanufakturen und den Handels- und Bankhäusern teilweise vorgeblendet war. Sie verband diese damit und gab ihnen zum Meer hin eine einheitliche palastartige Fassade.

Ebenso schwere Zerstörungen ereilte auch Reggio Calabria, hier wurden unter anderem die Real Palazzina an der Uferpromenade, die Villa Genoese-Zerbi, der barocke Dom und die byzantinische Basilika Cattolica dei Greci zerstört. Beide Städte verloren damit einen großen Teil ihres architektonischen Erbes der vergangenen Jahrhunderte.

21. Mai 2003: Erdbeben vor Algerien
Am 21. Mai 2003 kam es um 18:44 Uhr UTC (19:44 MEZ) im Meer etwa 20 km nordöstlich von Boumerdès, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz Boumerdès, zu einem Erdbeben der Magnitude Mw 6,8. Die Tiefe des Hypozentrums wurde mit zehn bis zwölf Kilometern ermittelt. Durch die Folgen des Bebens starben in Algerien 2.266 Menschen.

Zerstörungen in Boumerdes, Algerien

Durch die Schockwellen wurde ein Tsunami ausgelöst, der mit 300 km/h durch das Mittelmeer zog. 54 Minuten später, um 20.45 Uhr, zog sich an den Küsten des Balearen-Archipels, der etwa 272 Kilometer vom Epizentrum entfernt liegt, das Wasser bis zu 150 Meter zurück. Kurz darauf rollten zwei aufeinanderfolgende, circa zwei Meter hohe Wellen heran und überschwemmten die Strände und einige Strandstraßen. Eine Tsunami-Welle wurde auch an der spanischen Küste von Alicante, Castellon und Murcia beobachtet.

Trotz der geringen Höhe der Welle wurden auf Mallorca (in Palma) und Ibiza (hier speziell in der Hafenstadt Santa Eulària) an die 200 Boote, einige Fischerhütten und Dutzende Autos zerstört oder fortgespült. Menschen kamen nicht zu Schaden, da das Ozeanografische Institut von Palma de Mallorca vor dem Auftreffen der Welle die Meeresspiegelschwankung festgestellt und eine Warnung verbreitet hatte.

20. Juli 2017: Erdbeben von Kos/Bodrum

Erdbeben Kos/Bodrum vom 20. Juli 2017
Erdbeben Kos/Bodrum vom 20. Juli 2017

Am 20. Juli 2017 um 22:31 Uhr UTC (21. Juli 2017, 00:31 Uhr MEZS) kam es im Seegebiet zwischen der griechischen Insel Kos und dem türkischen Bodrum zu einem schweren Beben mit der Stärke von M6,6. In den darauffolgenden Tagen kam es zu hunderten von Nachbeben. Durch das Erdbeben wurden rund 360 Menschen in der Türkei verletzt, zumeist während der Flucht aus Gebäuden durch Stürze o.ä. Auf griechischem Gebiet wurden laut der Angaben der Behörden rund 150 Personen verletzt, darunter sind auch mehrere Schwerverletzte, die von Trümmern einstürzender Gebäude getroffen wurden. Auf der Insel Kos wurden zwei Menschen getötet. Die beiden Opfer waren Touristen aus Schweden und der Türkei.

Infolge des Erdbebens kam es zu einem Tsunami, der auf türkischer Seite Strände, Hotel, Häuser und Geschäfte überflutete und Boote an Land spülte. Die griechische Insel Kos war von dem Vorfall weniger stark betroffen. Die Höhe des Tsunami wurde in Bodrum mit 70 Zentimetern gemessen, Aussagen von Augenzeugen lassen eine Höhe von 1 bis 1,5 Meter vermuten.

Quellen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Minoische_Eruption
http://de.wikipedia.org/wiki/Erdbeben_im_Golf_von_Eub%C3%B6a_426_v._Chr.
http://de.wikipedia.org/wiki/Erdbeben_vor_Kreta_365
https://de.wikipedia.org/wiki/Erdbeben_von_Messina_1908
http://de.wikipedia.org/wiki/Erdbeben_vor_Algerien_2003
http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Tsunamis
Juskis Erdbebennews

Fotos:
Helike
Kreta: Von Mikenorton – Eigene Arbeit, CC BY-SA 3.0, Link
Boumerdes: Von [1]page of flickr, CC BY 2.0, Link

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